Im Tempel des Legacy-Codes: Code-Archäologie mit KI als Sidekick
Neulich stand ich vor altem Programmcode – genau der Sorte, die ich vor fast vierzig Jahren selbst geschrieben habe. Prozedural, teilweise schon objektorientiert, immer an der Grenze des damals Machbaren. Die Dokumentation? Verschwunden. Irgendwo im Bermuda-Dreieck zwischen Disketten, Aktenordnern und Lochkarten. Übrig blieb der Quellcode: Cobol, Fortran, Pascal, C. Sprachen, die heute auf viele junge Kolleginnen und Kollegen wirken wie Hieroglyphen an den Wänden einer Tempelruine. Und selbst mir ging beim Lesen durch den Kopf: Wer hat sich das eigentlich ausgedacht? Und wie lässt sich das heute noch sicher verstehen – geschweige denn verändern? Willkommen im Tempel des Legacy-Codes.
Der Tempel steht noch – aber warum eigentlich?
Legacy-Systeme sind wie alte Bauwerke im Dschungel: beeindruckend stabil, über Jahrzehnte gewachsen und tief im Geschäft verankert. Sie laufen. Oft seit 20, 30 oder 40 Jahren. Aber wehe, man fasst die falsche Stelle an. Denn was von außen wie „alter Code“ aussieht, ist im Inneren häufig verdichtete Fachlichkeit: implizite Geschäftsregeln, historisch gewachsene Workarounds, Abhängigkeiten zwischen Daten, Prozessen und Schnittstellen. Vieles davon ist nirgends dokumentiert – außer im Code selbst.
Wer modernisieren will, ohne diese tragenden Säulen zu verstehen, riskiert mehr als technische Instabilität. Er riskiert fachliche Inkonsistenzen – mit direkten Auswirkungen auf das Business.
Genau hier beginnt Code-Archäologie.
KI als Sidekick – nicht als Expeditionsleiter
Zum Glück stehen uns heute Werkzeuge zur Verfügung, die es früher nicht gab: Künstliche Intelligenz. KI ist ein beeindruckender Begleiter auf dieser Expedition. Sie analysiert große Codebasen in Sekunden, übersetzt alte Syntax in verständliche Beschreibungen, erkennt Muster und hilft, erste Strukturen sichtbar zu machen. Aber sie ist nicht Indiana Jones.
Ein paar Learnings aus der Praxis:

KI ist damit ein wertvoller Sidekick: schnell, analytisch, hilfreich. Aber die Expedition führen, muss weiterhin der Mensch.
Mehr als Nostalgie
Code-Archäologie ist kein romantischer Blick zurück in eine andere IT-Ära. Sie ist eine Voraussetzung für verantwortungsvolle Transformation. Wer Legacy-Systeme modernisieren oder ablösen möchte, ohne die implizite Fachlogik verstanden zu haben, modernisiert Symptome – nicht Systeme. Das kann teuer werden. Das Ziel ist nicht, alten Code zu bewundern. Das Ziel ist, ihn so gut zu verstehen, dass fundierte Entscheidungen möglich werden: Und was ist geschäftskritisch – obwohl es im Code unscheinbar wirkt? Was bleibt? Was wird refaktoriert? Was wird neu gebaut?
Der Legacy-Code-Tempel steht oft seit Jahrzehnten. Er ist stabil, funktional und voller Geschichte. KI hilft uns heute, schneller durch die Gänge zu navigieren, Muster zu erkennen und verborgene Strukturen sichtbar zu machen. Doch die wahren Zusammenhänge erschließen sich erst durch systematisches Verstehen. Nicht jede Grabkammer enthält einen Schatz. Und nicht jedes glänzende KI-Ergebnis ist Gold. Am Ende entscheidet nicht der Algorithmus, was wertvoll ist – sondern der Mensch, der den Kontext versteht. Und genau dort beginnt nachhaltige Modernisierung.




